Ausgesetzt am Vogelstangsee  
   
 
 
 
   
 
Foto Hermann Helbig
 
 
         
 
 

„Hermann, komm mal ganz schnell – aber wirklich schnell“ rief, ja schrie, meine Frau am letzten Sonntagmorgen. Während ich in meinem kleinen Wohnbüro meine Wochentour vorbereitete, saß meine Frau Rita in der Küche und schälte den weißen Spargel. Ihr Vater sollte um 12 Uhr zum Essen kommen.

Wie von der Tarantel gestochen schoss ich aus meinem Stuhl und lief die 5 Meter in die Küche. Schwer atmend fand ich meine Frau und fragte: „ Was ist los? Ist Dir schlecht; Sag, was ist !“ „ Da schau aus dem Fenster zur Terrasse, da hat sich was Großes bewegt!“ und zeigte zur Glastür. Vorsichtig ging ich zur Terrassentür – nichts zu sehen. Man muss nun wissen, dass diese Terrasse von hier aus nicht überall einsehbar ist, weil mit Tonkrügen diverser Größen und Dekorfiguren verschönt. Dann noch, weil sie nach dem Treppenhaus breiter wird und auch von der anderen Seite, meinem Büro, begehbar ist.

Da, jetzt habe ich auch etwas gesehen! Hinter dem ganz großen Tongefäß. Ich will gerade die Tür öffnen um näher hin zu gehen, kommt mir mit energischem Geschnatter entgegen: eine Ente, und in Reih und Glied die Kleinen hinterdrein. Das war eine Überraschung, ist die Terrasse doch im 1. OG und mit einer etwa 1 Meter hohen Mauer mit Betonblumenkästen gesichert. „ Ja, wo kommt Ihr den her?“ entfährt es mir mit Entzücken, angesichts der lieben Kleinen – 12 Stück an der Zahl. Ratlosigkeit. „Und was tun wir jetzt? war dann die Frage meiner Frau. „Tja, ich hatte noch nie Enten, ich weiß nicht?“ – meine Antwort. Im Autoradio unterwegs hatte ich diese Woche von einer Entenfamilie auf der Autobahn gehört und dass die Polizei zum Entenfang ausgerückt sei. Also rief auch ich bei der Polizei in Käfertal an.

„Die können Sie da lassen wo Sie sind, stellen Sie etwas Wasser hin, alles andere regelt die Natur selbst“. So war die Antwort des netten Polizisten. Die Enten liefen nun aufgeregt auf meiner Terrasse im Sonnenschein spazieren. Sie spürten wohl, dass sich da was tat, wegen Ihnen.

Also dann bleibt noch die Feuerwehr. Nummer im Telefonbuch.
Telefon – wählen – aber nicht die Notfallnummer, sondern bitte über die Zentrale. „ Es ist schön dass Sie uns anrufen und sich um die Kreaturen kümmern, aber zuständig sind wir nicht. Bitte versuchen Sie es mal beim Tierheim oder einem Kleintierzüchterverein“. Und der Feuerwehrmann wünscht mir noch einen schönen Sonntag und legt auf. Toll! Sonntag – Mittag – alle Büros nicht besetzt – nur AB überall.

Ich nehme einen großen Plastik-Blumenuntersetzer und fülle diesen mit Leitungswasser. Auf dem Weg zur Terrasse tropft es hin und wieder auf die Fliesen im Wohnzimmer. Gleich wieder wegwischen bevor es Flecken gibt. Keinen Ärger bitte mit der Frau, das muss jetzt nicht auch noch sein.

Zurück in mein Büro, der PC läuft noch, weil ich in meiner Arbeit ja gestört wurde. Im Internet findet man bestimmt eine Lösung für das Problem. Irgendjemand hat bestimmt Erfahrung mit Enten. Ich „Google“ nach dem Stickwort „Enten auf dem Balkon“.

Und tatsächlich, in München gab es einst einen ähnlichen Fall, im Olympiadorf. Enten auf dem Balkon in der 8. Etage. Ich lese die Fortsetzungs – Story über 3 Seiten und lerne dabei einiges über das Leben einer Ente. Da finde ich ganz am Ende die Lösung des Problems mit einigen guten Tipps - da wusste ich was zu tun war. Aus meiner Lagerhalle, über dem Hof, hole ich einen geräumigen Karton mit Tragegriffen und fange die kleinen, lustigen, mit lautem Schnattern und Beissversuchen, Gesellen ein und setzte diese in den, mit weichem Papier ausgeschlagenen, Karton. Sie können erst wenige Stunden alt sein und können noch nicht fliegen. Immer wieder versuchen Sie an der Wand hochzuspringen, fallen aber immer wieder in das weiche Papier zurück.

Bei der Mutter hatte ich kein Glück, die flog immer, wenn ich nahe dran war einen Bogen, um mich und Ihre Küken herum. Also trage ich die Entenkinder in der Tragebox nach unten und stelle Sie auf meinen Ökorasen.

Keine Minute hat es gedauert und die Entenmutter war von oben nach unten geflogen, hat mit wütendem Geschnatter mich beschimpft, landete mit gebührendem Abstand zu mir, auch auf der mit Frühlingsblumen bewachsenen Rasenfläche. Dann machten wir uns zusammen, die Ente und ich, mit Karton in den Händen, auf den Weg zum Vogelstangsee. Ich wohne im Gewerbegebiet und muss 1. am Mc Donald vorbei, wo so manche junge Wilde in den Autos mit Schmackes um die Ecke brausen und 2. eine stark befahrene Schnellstraße, mit der Ente, überqueren muss. Da habe ich mir meine Gedanken gemacht, wie ich das mit der Entenmutter anstellen soll.

Also lief ich gemächlichen Schrittes los, dass die Ente mir gut mit Ihren kurzen Beinen folgen konnte. An der ersten Straßenquerung hatten wir Glück, es kam kein Auto und mein Nachbar, der gerade davon fuhr, sah dass ich etwas Besonderes im Karton haben musste, weil mir, im Abstand von etwa 5 Metern, eine Ente folgte. Er blieb mit seinem Wagen stehen, lachte, und sicherte einen Fahrstreifen ab bis wir auf der anderen Straßenseite waren. Beim Übergang über die Magdeburger Straße erlebte ich eine Überraschung: Ich drücke die Fußgängerampel und warte auf das grüne Signal. Da sehe ich, wie hinter mir meine Begleiterin zum Fluge ansetzt und über die beiden Straßenspuren hinweg fliegt, auf der anderen Straßenseite wieder im Grünen landet und auf mein Kommen wartet. Da war ich platt.

Nach dieser Erfahrung, dass die Tiere sich an Ihre Umgebung schon längst angepasst haben, führte uns der Weg zwischen den Häusern hindurch Richtung See. Die Spaziergänger und Kinder, die mir begegneten, waren voller Entzücken über die Fracht im Karton. Am Seeufer angelangt nahm ich die jungen Tiere aus dem schützenden Behälter und setzte Sie unter den Augen vieler Erholung Suchender in das frische Gras. Zunächst liefen alle Kleinen, ganz aufgeregt schnatternd, in verschiedene Richtungen davon. Die Entenmama kam nun aber mit einem Riesensatz angeflogen und sammelte mit einem Entenschrei all Ihre Kinderchen um sich herum und watschelte stolz und erhobenen Hauptes ins nahe Gewässer – und alle schwammen, wie an der Schnur gezogen, davon.

Ich machte mich mit einem guten Gewissen auf den Heimweg und es war, mit dem herrlichen Sonnenschein, noch ein schöner Sonntag. Unter einem Nadelgehölz in einem Blumenkasten fand ich das Nest voller Federn, das die Ente zum ungestörten Brüten nutzte.

Hehe