Nummer-Eins-Hits aus 300 Jahren  
  Thirty Fingers spielen „Klassik anders“ — Standing Ovations in der Feudenheimer Johanneskirche  
 
 
 
   
  Thirty Fingers
Foto Claus Ableiter
 
 
         
 
 

Die Konkurrenz war stark am Abend der langen Nacht der Museen, trotzdem war die Johanneskirche gut gefüllt. Petra Erdtmann (Querflöte), Joe Völker (Piano) und Peter Götzmann (Schlagzeug), zusammen genau „Thirty Fingers“, hatten sich vorgenommen, „ernste“ Musik vom Sockel ihrer Seriösität zu stoßen und ganz unernst darzubieten, um die nicht ganz ernst gemeinte Frage zu beantworten: „Wie, bitteschön, hätte Bach das heute gespielt?“

Ist das überhaupt möglich? Und ob! Gleich zu Beginn zeigten die drei geszandenen Musiker mit Händels „Ankunft der Königin von Saaba“, dass klassische Melodie, instrumentale Virtuosität und latin-jazzige Einsprengsel sich keineswegs ausschließen, sondern trefflich ergänzen.

Was folgte, war eine Reise durch die Nummer-Eins-Hits der letzten drei Jahrhunderte, gewürzt durch informative und gut gelaunte Ansagen von Erdtmann und Völker: Griegs Morgenstimmung aus der Peer-Gynt-Suite („…kennen Sie aus der Bierwerbung“), Dmitri Schostakowitschs Walzer aus der Suite für Jazz-Orchester („…wirklich nicht von André Rieu komponiert“), gefolgt von Dave Brubecks „Blue Rondo alla Turca“ im 9/8-Takt („…wir spielen sein zweit-bekanntestes Stück“).

Das leider nicht ausliegende Konzertprogramm hätte sich wie eine Ansammlung von Klassik-Radio-Trivialitäten gelesen, wäre die Umsetzung nicht so brilliant, so virtuos, so herzerwärmend gewesen! Dabei lassen Thirty Fingers die Originale immer gut aussehen: Streng kommen Bachs Präludium und Fuge in c-Moll daher, die drei Stimmen der Fuge ordentlich auf die drei Instrumente verteilt. Weit atmet Tomaso Albinonis Adagio, verschmolzen mit dunklen Jazz-Harmonien. Passend zum tristen Aprilwetter ungewöhnlich melancholisch präsentiert sich Vivaldis „Frühling“ und bäumt sich erst in Völkers Klavierimprovisation zu einem impressionistischen Bild im Stil eines Didier Squiban oder Yann Tiersen auf.

Überhaupt Joe Völker: Der waschechte Feudenheimer („…in dieser Kirche haben vier Generationen meiner Vorfahren geheiratet“), Musikdirektor am Schauspiel des Nationaltheaters („Woyzeck“, „Mutter Courage“, „Dreigroschenoper“), Leiter des Feudenheimer Gospelchors „Rainbow Gospel & Soul Connection“ und langjähriger Pianist der Wolf-Kaiser-Bigband, zeigt hier eine neue Facette seines musikalischen Talents und glänzt als witziger Moderator. Mit Beethoven („…dem ersten Popstar, klar, bei der Frisur“) und dessen rasanter „Wuth über den verlorenen Groschen“ endete der erste Konzertteil.

Nach der Pause ging es leichter weiter. Bei „La Fiesta“, einem Stück des amerikanischen Jazzpianisten Chick Corea, dufte Peter Götzmann in einem beeindruckenden Schlagzeugsolo zeigen, wie feinfühlig und filigran er sein Instrument spielt, wie präzise er die Stimmungen seiner Mitmusiker aufnehmen und weiterführen kann, und insbesondere, dass Schlagzeug weit mehr zu bieten hat — gerade in leisen Momenten — wo andere Schlagzeuger zu Lautstärke und Effekthascherei neigen. Götzmann bleibt immer mitten in der Musik, seine Freude am Musizieren ist ihm, genau wie seinen zwei Kollegen, immer anzusehen.

Nach einem groovigen „Türkischen Marsch“ von Mozart folgt der emotionale Höhepunkt des Abends: Thirty Fingers malen das verträumte Bild eines Wasserschlosses in die Akustik der Kirche, des „vecchio castello“ aus Mussorgskis „Bilder einer Ausstellung“. Das Publikum hält den Atem an, als sich die wunderbar ruhige Melodie über den gemessenen Puls der großen Trommel ausbreitet. Maurice Ravel hatte diesen Part in seiner Orchesterfassung mit einem Altsaxophon besetzt. Soeben wird klar: Er hätte Querflöte nehmen sollen!

Aber nicht nur die Spielfreude und Virtuosität der dreißig Finger begeistert: Das enge Zusammenspiel, das feine Auf-Einander-Reagieren zeigen, dass das Trio mehr ist als die Summe seiner Teile. Momente strenger Werktreue im Wechsel mit jazzigem Sich-den-Ball-zuwerfen sorgen für eine abwechslungsreiche Textur und für ein atemberaubendes Finale: Nach dem rasanten „Libertango“ des argentinischen Komponisten Astor Piazzolla gab es Standing Ovations.

Das Publikum verlangte Zugabe um Zugabe, und jetzt legte Petra Erdtmann, die vorher durch humorvolles Spiel, eleganten Ton und flinke Virtuosität überzeugte, richtig los: Wie kraftvoll ihre kleine silberne Flöte sein kann, zeigte sie bei Brahms’ „ungarischen Tanz“ und vor allem beim teuflischen „Säbeltanz“ von Aram Katschaturjan, bevor der Abend mit J. S. Bachs Bourée — gespielt mit der von Jethro Tull bekannten Überblastechnik auf der Flöte — sein Ende fand.

Minutenlanger Applaus belohnte das Trio für ein durch und durch gelungenes Konzert. „Ein unvergesslicher Abend!“ sagte Konzertbesucherin Eva Best im Gehen. „Wir sind Fans geworden!“

Die CD zum aktuellen Konzertprogramm „Zeitlos“ ist bei Pianojoe Records (PJC-2017) erschienen und kostet 15€. Weitere Informationen: www.thirtyfingers.de

von Herta Sohn